Das OWL-Rockt Projekt
„1996 gründete sich das OWL-Rockt-Projekt. Abseits von MTV und Viva traf sich die ostwestfälische HipHop-Gemeinde, um sich slbst und vielerlei Dinge mehr zu feiern. Der Reinfunkanation-Gedanke, Struktur in einer in den Kinderschuhen steckenden Szene zu bringen und weiterzuentwickeln, wurde zum ersten Mal konsequent umgesetzt. Gruppen und Künstler wie Rasputin, V-Lenz, der Clan, ... gründeten sich oder bekamen ihren Schliff innerhalb des wohl größten HipHop-Underground-Projektes im Bundesgebiet. Mitlerweile sind folgende Aktionen aus der OWL-Rockt-Schule hervorgegangen: Es wurden zwei große Touren unternommen und nicht nur in der Region zahlreiche Jams unterstützt und veranstaltet. Bei der zweiten Tour Anfang 1999 waren die derzeitigen 60 Akteure des Projekts unterwegs. Seit drei Jahren werden ostwestfälische DJ- Meisterschaften veranstaltet. Ende 1997 brachte man die deutschlandweit vielbeachtete erste Vinyl-Compilation heraus“ (OWL-Rockt-Selbstverständnis 1999).
Das größte deutsche HipHop-Magazin schreibt hierzu: „Einige der veröffentlichten Lieder sind besser als viele auf Major-Labeln herausgekommene deutsche Rapacts, obwohl es größtenteils die Erstveröffentlichungen der auf der Compilation vertretenen Crews sind“ (Backspin, Dezember 1997).
„Entweder ist es doch einfacher als man glaubt, guten deutschen HipHop zu machen oder in Bielefeld und Umgebung gibt es einfach eine ganze Menge wirklich guter und talentierter junger HipHop-Musiker mit viel Gefühl für Sprache und Musik“ (Bielefelder Tipps, Nov.`97).
„ OWL-Rockt versteht sich als selbstverwaltetes und unabhängiges Kulturprojekt junger Menschen, die sich zum Teil seit über 8 Jahren mit den Medien - Mixen, Produzieren, Scratchen, Rappen, Tanzen und Malen - intensiv auseinandersetzen. Interessen von Mitgliedern aller gesellschaftlichen Schichten und an die zehn Nationalitäten, verschiedenster kultureller, religiöser Hintergründe müssen vereinbart werden. Dies führt öfters zu Missverständnissen und Problemen. Durch den Umgang damit konnte bisher aber jedes Mitglied wachsen und profitieren. Toleranz und Antirassismus werden hier zu zentralen Begriffen. Weiterhin versteht sich die HipHop-Initiative als Schule und Ausbildungsstätte. Eine Reihe von Mitgliedern sind zu professionellen Künstlern gereift. Bei Bühnenshows werden alle Elemente des HipHop miteinander vereinbart. Veranstaltungen und Veröffentlichungen werden vorbereitet und durchgeführt. Realismus und Verantwortungsbewußtsein muss gefördert werden, damit soviele Leute zusammenarbeiten können und einzelne Projekte nicht zum Spielball der Industrie werden. Das Projekt hält bewusst keinen Kontakt zu der Industrie, um den Zustand eines Independent- Projektes nicht zu gefährden. Wenn dann eine Schulklasse (Gruppe) so weit ist und einen Vertrag unterschreiben will / kann, dann wird darüber diskutiert. Die Aktiven sind stolz auf ihre Unabhängigkeit, da ihnen niemand in ihre Sachen hineinreden kann. Die Orginalität steht ganz deutlich im Vordergrund“ (OWL-Rockt-Selbstverständnis 1999).
In der Neuen Westfälischen ist 1999 zu lesen: „OWL-Rockt hat zwei Bielefelder Keimzellen: den christlichen Jugendkeller Harlem im Bielefelder Westen und das Arbeiterinnenjugendzentrum (AJZ). Dort wachsen mit den „Psychopathen“ und der „Reinfunkanation“ die treibenden Kräfte der HipHop-Bewegung heran. ... „Wir wollten etwas verändern“, sagt Rapper Aci-K. von den „Paten“. Insofern ist die HipHop-Initiative auch in Bielefelder Landen Ausdruck von Protest. Viele der Musiker sind Ausländer. Viele stammen aus Arbeitermilieus. Und so mancher stand schon wegen kleinerer Delikte vor dem Jugendrichter. HipHop wird zum Ventil, ähnlich wie früher in den Schwarzenghettos zum friedlichen Kräftemessen. Kampf zwar – aber immer ohne Waffen und Fäuste. ... OWL-Rockt kommt auch in größere Städte wie Hamburg oder das Ruhrgebiet. „Ich staune immer wieder, wie es uns gelingt, die vielen Leute für eine Tour unter einen Hut zu kriegen“, schwärmt Ulfert Rübel, „und dann auch noch gemeinsam auf die Bühne.“.. Der „Clan und „V-Lenz“ gehen bei Plattenlabels wie EMI unter Vertrag. ... Auch anderen vom Projekt werden Plattenverträge angeboten. Und so gerät die Gemeinschaft unter Druck. Einzelne verlassen das Projekt. „Mit weniger Leuten lässt sich nunmal einfacher Geld verdienen“, sieht Rübel das Geschäft ganz nüchtern“ (NW Februar 1999).
Die Entwicklung von „OWL- Rockt“ vor dem „HipHop-Büro“ lässt sich in drei Phasen einteilen. Die erste Phase nach der Gründung 1996 im AJZ-Bielefeld war geprägt durch die Gründung des Streetbeat-Labels, zwei Dutzend HipHop-Jams in den verschiedensten Jugendzentren in ganz Ostwestfalen-Lippe: von Soest, Paderborn, Detmold, Halle, Bad Oeynhausen, Minden bis Lemgo und der Veröffentlichung des Vinyl-Samplers 1997 und wird abgeschlossen durch das Unterschreiben von Verträgen in der Plattenindustrie von verschiedenen Bandprojekten. In der zweiten Phase schließen sich zahlreiche neue Künstler dem Projekt an. Die Touren weiten sich mit mittlerweile 60 Beteiligten (Break-dancer, Dj`s, Graffiti, Rap) bis ins Ruhrgebiet und nach Hamburg aus und die Großraum-discothek PC 69 wird zum wichtigsten Stützpunkt. Die größte Veranstaltung im PC 69 bietet an einem Tag (1.10.1998) bis zu 120 nationalen und internationalen Künstlern ein Forum und wird von 2000 Jugendlichen besucht. Die dritte Phase von Ende 1999 bis Mitte 2002 wird geprägt durch die Zusammenarbeit mit dem Jugend- und Sportamt des Kreises Herford, bei dem der Projektleiter sein Hauptstudiumspraktikum ableistet und danach als Honorarkraft für die Koordination der „HipHop-School Kreis Herford“, in die das OWL-Rockt-Projekt teilweise integriert wird, weiterbeschäftigt wird.
Im Jahr 2002 wird das HipHop-Büro gegründet. Sogenannte „HipHop-Jams“ mit Beteiligungscharakter für die lokale und regionale Szene finden in Bielefeld und Umgebung nicht mehr statt. Zunächst versucht die Projektleitung des HipHop-Büros mit Konzerten mit internationaler Beteiligung Aufmerksamkeit auf das Projekt zu lenken. Allerdings muss sie die Veranstaltung unter eigenem Risiko durchführen, weil das Team des HOT das finanzielle Risiko nicht tragen möchte.
Im November 2002 wird im Rahmen einer Teamleiterschulung als Praxisteil wieder ein OWL-Rockt Jam organisiert. Daraufhin kann die Projektleitung das sozialpädagogische Team überzeugen, pädagogisch begleitete Jugendkultur-veranstaltungen in Form von „OWL-Rockt-Jams“ als Angebot des Hauses durchzuführen.
Nachwuchsgruppen (Rap-, Funk- und Breakdance) aus Bielefeld wurden aufgefordert sich zu bewerben, um unter professionellen Bedingungen einen eigenen Auftritt mit anderen Gruppen zusammen verbindlich zu planen und durchzuführen. Neben dem Tape-Sampler finden innerhalb von zwei Jahren 14 OWL-Rockt- Veranstaltungen im Falkendom statt. Es durchlaufen über 60 Gruppen mit mehr als 300 jungen Künstlern die Talentförderung. Über 3000 Besucher nehmen das Angebot wahr. Die Veranstaltungen finanzieren sich nicht nur selber, sondern das HOT-Falkendom profitiert auch finanziell davon. Das Projekt HipHop-Büro stabilisiert sich und wird dadurch zu einem wichtigen und anerkannten Vernetzungs- und Kommunikationsort für die Szene.


