ReinfunkAnation
Vorgeschichte und die Gründung 1993 - oder von der Idee zur Realität
Anfang der 90 er Jahre finden im AJZ auf Initiative kultur- und politikinteressierter Menschen die ersten HipHop-Parties unter Mottos wie: " What do you expect from life?" oder "Dance your ass off!" statt. Die Parties definierten sich als Solipartys für politische Prozesse, Initiativen in Cuba oder für das 1991 durch eine massive Repressionskampagne in Bedrängnis geratene Haus. Aus dieser Zeit sind noch einige schräge Situationen und Szenen im Gedächtnis. Zum Beispiel wie ein erstarrtes Publikum Hamburger HC-Rapper aus dem Umfeld der Homeboys-Hamburg und der Hafenstraße in St.Pauli fassungslos anstarrt, als wären sie von einem anderen Stern, oder wie eine Gruppe verfilzter und junger Freaks, hauptsächlich Anfang 20, sich in Bonn dem offiziellen cubanischen Botschafter gegenübersieht und sich in der Mehrheit nicht ganz im Klaren ist, was sie hier gerade machen und wollen, oder wie einer der ersten Aktivposten, der bis dahin reinen Partybewegung, am Tag der offenenTür das AJZ mit hunderten Fahnen des palästinensischen Volkes ausschmückt.
Paris, Ice T, Public Enemy und NWA waren die Popstars einer Bewegung, die man zu diesem Zeitpunkt noch nicht wirklich verstand. Doch die Power und die Wut, die in deren neuartiger Musik getragen wurde, faszinierte ebenso, wie sie zum Mittanzen anregte. Nach einer ca. eineinhalbjährigen Sendepause wurde1992 die erste richtige HipHop-Combo ins AJZ eingeladen. Das war Anarchist Academy.
Dann fand im damals besetzten und vorher dreißig Jahre leer stehenden Bunker an der Stadtheiderstraße die erste skurile HipHop-Bunkerparty statt. Hinter zwei Meter dicken Mauern versuchten radikale und abenteuerlustige Jugendliche eine neue Kultur zu leben. Während einzelne die Betonwände ungeschickt mit Sprühlack verzierten, und andere mit vermummten Gesichtern Motorradmasken und sogenannte Space Cakes an den Mann und die Frau zu bringen versuchten, breitete sich unter wummernden Bässen Massen von Nebel in allen Etagen aus bis man die Hand vor dem Gesicht nicht mehr sehen konnte. Die Sicherheitsmacht konnte natürlich diesem Treiben nicht mehrere Monate tatenlos zusehen und so räumten sie den Bunker, während die Besetzer zu angeblichen Verhandlungen ins Rathaus geladen wurden. Dass dies die nun ehemaligen Besetzer nicht auf sich beruhen lassen konnten, kann man auch verstehen, und so zog ein wohl organisierter Mob, den die Stadt so noch nie gesehen hatte, zielgerichtet durch die Stadt, um sich bei den Auftraggebern und den mit der Durchführung beauftragten Institutionen zu bedanken. Etwa der Hälfte der zur Verfügung stehenden Einsatzkräfte wurde die Technik außer Betrieb gesetzt, während es auf Seiten der Demonstranten, die sich nach eineinhalb Stunden in das AJZ zurückzogen, zu keinerlei Verlusten und Festnahmen kam. Der Bunker war weg, aber wenigstens hatte man nicht tatenlos zugesehen. Hinterher wurden diese Geschichte zu einem überregionalen Autonomentreffen hochstilisiert.
Monate später ertönte das erste Mal Rapmusik als Soundtrack auf einer Demo.
Ca. Ende 1993 fanden sich zwei junge Menschen, die in einem Uniseminar ihr Interesse an der HipHop-Bewegung outeten, in dem Keller des Antifareferats der Fachhochschule zusammen, um ein neues so noch nicht dagewesenen Projekt zu gründen. Sie wollten selbstbestimmt, selbstverwaltet und unkommerziell eine neue kulturelle Entwicklungen vorantreiben und die Vernetzung einer noch jungen Szene fördern. Dies sollte mit antifaschistischen, antirassistischen, antisexistischen und systemkritischen Inhalten verbunden werden. Es sollte keine neue Gruppe gegründet werden. Man wollte nur an dem Kern einer neuen Bewegung, die man von jetzt an ReinfunkAnation nannte, mitwirken.
Die goldenen Jahre, der Megatest - oder die Zeit der geilen Oldschool Jams `94 bis `96
Die Zeit von 1993 bis Ende 1996 war die Zeit, in der sich klare Konturen, Zielrichtungen und Aktionsformen der ReinfunkAnationbewegung abzeichneten und sich eine kontinuierliche Kerngruppe herausbildete. Jetzt erst erschloss sich für alle Beteiligten die gesellschaftlichen Dimensionen und immensen jugendpolitischen und kulturellen Möglichkeiten. Es wuchs das zusammen, was noch heute von höchster Jugendpolitischer und kommerzieller Bedeutung sowohl für Kommunen, Markt, Medien und Jugendkultur ist.
Anfang 1994 wurde, von der Punkrock-Gemeinde noch sehr belächelt, die wöchentliche HipHop- und FunkKneipe im AJZ ins Leben gerufen. Den ersten noch zusammengeschnipselten Fleyer zierte neben einem Foto des im Bau befindlichen von der RAF in die Luft gesprengten Hochsicherheitsgefängnisses Weiterstadt die Überschrift "HipHop übernimmt das Haus". In den folgenden fünf Jahren wird diese Kneipe zu einem prägenden Bestandteil im Haus. Das erste P-Funkkonzert mit der Lübecker Formation Gizzmolotion im AJZ begeistert. Zur selben Zeit wird sich an zwei HipHop-Konzerten fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit mit Absolute Beginner und Anarchist Academy im Brakweder Jugendzentrum Stricker beteiligt. Angeregt von dem International besetzten und besuchten HipHop-Jam"funky fresh" in Dortmund rekrutiert sich aus dem Umfeld der damals in Bielefeld besetzten Häuser wie der Stapi Mitte `94 die Veranstaltungsgruppe für den ersten richtigen HipHop-Jam in Ostwestfalen-Lippe mit Graffiti, Breakdance, Dj-ing und Rap. Der schwarze Tage Roskopeuia HipHop-Jam ist heute im AJZ noch optisch als" Mega-Test und OWL-Jam`94" in den nur durch klettern oder Abseilen erreichbaren Stellen im Innenhof wahrnehmbar. Die Veranstaltung intigrierte sich in das anarchistische Kunst-, Politik- und Kulturwochenende"schwarze Tage". Zum ersten Mal kamen alle HipHop-Kunst und Kulturinfizierte der Region, unterstützt von Aktiven aus anderen Städten wie Hannover und Hamburg zusammen. Das Gemeinschaftsgefühl etwas völlig neues fast schon revolutionäres zu kreieren und die Dynamik der Veranstaltung war so intensiv, dass sich alles Folgende daran messen musste und der Großteil der damals Beteiligten heute fast zehn Jahre später noch aktiv ist. Es wurden New Yorker Kinofilme zum Thema gezeigt und zum ersten Mal zogen Breakdancer und HipHop-Graffitisprüher in das AJZ ein. Auf der Musikbühne präsentierten sich Absolute Beginner mit der HC-Formation Caligari, Saprize, Spax und Topz (U-Men), Tobi und das Bo und die Murdaz. Einer der Ersten, der die Inneneinrichtung des AJZ`s mit Edding und den Namenskürzeln von sich und seiner Gruppe bleibend umgestaltete, war Jan Eißfeld. Heute bekannt als Abees oder Jan Delay. Allen war klar, nach diesem Wochenende würde nichts so bleiben wie es war.
Im selben Sommer bildete sich aus HipHop, Kunst und Designinterressierten die RFN- Malergruppe. Man traf sich anfangs regelmäßig mit 10-12 Personen in den Ruinen des alten Schidescher Freibades. Verbrachte dort seine Freizeit und beschäftigte sich mit der Neugestaltung der alten Gemäuer und der stillgelegten Schwimmbecken. Es war eine schöne Zeit Abseits von Trudel und Öffentlichkeit. Aus jenen Sessions stammte auch der Ausruf: " Das Becken brennt," nachdem Jemand versuchte ein kleines Grillfeuer in eines der Becken zu entfachen und nicht bedachte, dass die alte Beckengrundierung leicht entzündbar war. Man reagierte jedoch schnell und es entstand kein wirklicher Schaden an den Kunstwerken. Nachdem das Freibad von der Stadt abgerissen worden war, suchte man sich neue Betätigungsfelder und man organisierte als Gruppe die Außengestaltung mehrerer Plätze und Zentren wie das Haus der Jugend Bad Oyenhausen, das AJZ-Bielefeld, das Fla Fla/Spunk-Herford, die alte Pauline Detmold oder dem Ostbahnhof Bielefeld. Über sechs Ausgaben brachte man auch das HipHop-Graffitifanzine "the Message" heraus.
Währenddessen forcierte die ReinfunkAnation den Veranstaltungsbetrieb im AJZ.
Neben der wöchentlichen HipHop-Kneipe, die am Abend manchmal mehr als hundert Gäste begrüßte und ein Teil deren jugendlicher Klientel wahrscheinlich nicht ganz unschuldig an der nächtlichen Umgestaltung der Stadt zu dieser Zeit war, organisierte man fleißig weiter Funk, Drum a` Bass und HipHop-Parties, Konzerte und Jams. Gruppen, die ihre künstlerische Karriere auch im AJZ begannen, waren unter anderem: FAB (Ferris,Flowin Immo), Direct Action (Digger Dance), NoNonsence (Sammy Deluxe), Asiatic Warriaz (Azad, D-Flame), 08/15 (Mr Schnabel, No Remorze (Dj Stylewarz), Too Strong, Main Concept, Raid, Filojoes, RAG, Fanal, Rasputin u. v. m. Damals beteiligten sich organisatorisch mehr als 60 bis 70 Personen an der Umsetzung der verschiedenen Aktionsformen der ReinfunkAnation und der subkulturelle Habitus der Stadt und der Region wandelten sich grundlegend. Weiterhin beteiligte man sich aber auch weiter an politischen Initiativen und Demonstrationen.
Fast lächerlich erscheint heute der lange Kampf im Punkrock-Haus , um die unerlässlichen professionellen HipHop-Mixing Plattenspieler für Veranstaltungen und die HipHop-Kneipe. Nach fast zweijährigem Hin und Her einigte man sich mit dem Haus auf einen Kredit, den man selber über regelmäßige Spenden aus dem Umfeld und Publikum wieder abbezahlte. Damals war die HipHop-Kneipe die erste Kneipe in Bielefeld, die sogenannte" open Turntables " und Dj-Abende anbot. Heute gehört dies zum festen Bestandteil des städtischen Abend- und Nachtlebens.
Höhepunkt und zugleich Endpunkt der Oldschool-Jamzeit war zweifelsohne der zweite Roskopeuia HipHop-Jam. Diese Veranstaltung hätten die RFN-Aktivistinnen gerne wieder in die Schwarzen Tage und somit in ein politisches Umfeld eingebettet. Doch die Schwarzen Tage-Veranstalter lehnten dies ab. Wahrscheinlich war ihnen unter anderem der Windschatten der mittlerweile starken Bewegung zu groß geworden und sie befürchteten wohl bei einer Kooperation in diesem Schatten ein wenig unterzugehen. Nicht zu unrecht, wie sich herausstellte. Denn das Roskopeuia HipHop-Wochenende an drei Tagen erreichte für das AJZ Übergröße. Über 1200 Personen aus mehr als 30 Städten beteiligten sich an den Aktionen im und um das AJZ und unterstrichen die Bedeutung des Hauses für die bundesweite HipHop-Bewegung zu diesem Zeitpunkt. Neben einem Breakdancetreffen, entstanden dutzende von legalen Graffitis und an zwei Tagen wurde die Bühne von der Creme de la Creme der deutschsprachigen HipHop-Musikszene belagert. Selbst die sonst so berüchtigte und schon öfters für Veranstaltungsabbrüche verantwortliche, zahlreich erschienene Berliner Graffitiszene trat nicht negativ in Erscheinung.
Diese denkwürdige Veranstaltung verlief zeitgleich mit dem Beginn des kommerziellen Durchbruchs deutschsprachiger Rapmusik . Die Musik- und Kulturindustrie wurde nun aufmerksam auf die bis dahin belächelte und als adaptierend bezeichnete aber äußerst aktive und sich eigene Indipendentstrukturen erarbeitende Szene und entdeckte diese als neuen Markt. Zahllose Projekte wurden nun von der Plattenindustrie mit Verträgen und hohen Produktionsgagen ausgestattet, um so wirtschaftliche Kontrolle über die Kultur- Modetrends der Szene zu bekommen. Egal dass gerade Anfangs ein Großteil der künstlerische Output der gekauften Projekte grottenschlecht war. Die etablierte offene Jugendarbeit verhielt sich oft ähnlich.
Für viele Aktivistinnen, wie auch Teile von RFN eröffnete diese Entwicklung neue Möglichkeiten. Doch schnell bleiben dabei radikale kulturelle Grundideen und frisch geschaffene unabhängige Strukturen auf der Strecke. Wie schon in den USA der 80er Jahren setzt sich Medienpräsenz und Umsatzzahlen gegenüber der Verwurzelung in der Kultur und die damit einhergehende Qualität durch. Viele der Projekte, die sich nicht kaufen lassen oder wie Anarchist Academy sich nicht von ihrem Weg abbringen lassen wollen, lösen sich auf oder verschwinden in der Bedeutungslosigkeit. Der Weg von Underground und Protestkultur zum Mainstream der Populärkultur war vorherbestimmt.
Das ganze nun eingeführte marktwirtschaftliche Denken hatte nur im Gegensatz zu anderen jugendkulturellen Strömungen bei der HipHop-Bewegung einen Haken, denn die Kombination der ästhetischen Elemente der HipHop-Kultur waren zu diesem Zeitpunkt schon so ausgeprägt, das es den Medien, Werbung und dem Markt nicht gelang sie konsumgerecht voneinander zu trennen. Wenn ich Rap fördere und in medial verbreite wird dies unweigerlich auch mit Graffiti geschehen. Während im Kommerzialisierungsprozess Initiativen, Gruppen und Cliquen auf der Strecke bleiben, kann dieser Prozess deutlich an der Ausbreitung illegaler Graffitis nachvollzogen werden. Steigende Absatzzahlen, mehr Markt bedeuten nun auch mehr Konkurrenz unter den Jugendlichen und damit die massive Verbreitung vollgeschmierter Wände, wenn die legalen Flächen, abgelegene Wände an Zuglinien und Autobahnen und künstlerische Qualität nicht mehr ausreichen, um sich in Szene zu setzen. Diese in der Öffentlichkeit oft als negatives Phänomen wahrgenommene Begleiterscheinungen sind bis heute ein Millionen verzehrendes Problem für Staatsanwaltschaft, Richter, Polizei, Jugendhilfe, Hausbesitzer und im Endeffekt für die Jugendlichen selber.
Zerkratzte Fensterscheiben gab es in Bielefeld Mitte der 90er Jahre, im Gegensatz zu einer zu über 50% im legalen Bereich stattfindenden kreativen Graffitikultur, noch nicht.
Die große Expansion oder Don`t believe the Hype!
In der Zeit von 1996 und 1999 wird neben den im AJZ weiterlaufenden Aktivitäten der ReinfunkAnationgedanke zu einem Motor für eine ständig wachsende Szene und immer neuer Projekte, die sich jetzt auch offensiv außerhalb des Arbeiterinnenjugendzentrums präsentieren. Zum Beispiel wird im Jahre `96 im AJZ das OWL-Rockt-Projekt ins Leben gerufen. Ziel der OWL-Rockt Idee war es und ist es auch noch heute speziell die lokale und regionale künstlerische Szene zu fördern, und statt wie bisher den Hauptfokus auf Gruppen und Bands aus anderen Städten zu richten, den lokalen Gruppen denselben Stellenwert zu geben und so an das gehobene bundesweite künstlerische Niveau heranzuführen, was auch in etlichen Fällen von Güthersloh bis Minden und von Paderborn über Detmold bis Herford gelungen ist. Es wurden sogenannte OWL-Rockt-Tours organisiert, bei denen immer 30-60 Nachwuchskünstler aus allen gesellschaftlichen Schichten und Nationalitäten alle künstlerischen HipHop-Disziplinen präsentierten. In über 30 verschiedenen Events konnten sie ihr Talent unter Beweis stellen und Jugendszenen in den verschiedensten Orten und Städten wurde der sonst nicht direkte Zugang zu einer praktizierten HipHop-Kultur ermöglicht.
Von 1996 bis 1998 veranstaltete man im AJZ sogenannte DJ-Battles. Hier sammelte sich die regionale Dj-Szene und konnte sich Austauschen und gegenseitig die künstlerische Qualität überprüfen. Neben 15 bis 20 agierenden DJ`s kamen zu jeder Veranstaltung immer 400-600 Besucher, ohne dass man Stars als Aufhänger benötigte oder den bloßen Konsum in den Mittelpunkt stellen musste. In Zusammenarbeit mit dem Power Sound Studio gründete man das Streetbeatlabel und veröffentlichte`96 die OWL-Rockt Compilation auf der alle bis dahin fortgeschrittenen Musikprojekte präsentiert wurden. Obwohl keine professionellen Promotion- und Vertriebsstrukturen existierten, stieß die Compilation bundesweit in der Fachpresse auf hervorragendes Feedback, wurde in den höchsten Tönen gelobt und ist heute noch begehrtes Kultobjekt.
Gleichzeitig verabschiedete man sich aber nicht von politischer Arbeit. Da die öffentlichen Reaktionen auf illegale Graffitiaktivitäten immer einseitiger wurden, erarbeitete man mit dem Bielefelder Stadtblatt ein Konzept, um die öffentliche Diskussion zu diesem Thema auf eine breitere inhaltliche Basis zu stellen. In Zusammenarbeit mit dem HipHopHamburg e.V. begleitete man mit Erfolg zahlreiche Graffitiprozesse gegen angeklagte Jugendliche, um Vorverurteilungen und ungerechtfertigte Urteile, die ein abschreckendes Exempel für die Öffentlichkeit statuieren sollten, zu verhindern. Es wurde ein Fond für Graffitiprozesse eingerichtet. Mit anderen politischen Gruppen wurden die Antirepressionstage ins Leben gerufen, um mit diesen daraufhin den Antirepressionstopf zu gründen.
Aus der Kneipe heraus bildete sich das Soundkollektiv "Game Over Zoundz of Survival ". Da deutschsprachiger Rap zum Mainstream geworden war, schloss man sich mit Graffitiartists, lokalen Größen und Gruppen wie Tempo Al Tempo aus Italien und der Schweiz zu der TranseurohiphopConnection zusammen.
Höhepunkt der Aktivitäten außerhalb des AJZ`s waren die bundesweit und International vielbeachteten KEEP THE BEAT- Veranstaltungen im Bielefelder PC 69. Zu den Jam 1998 kamen über 100 professionelle Künstler und bis zu 2000 Besucher. Ein Jahr später waren es 1000 Besucher und über 120 internationale Künstler, die bis aus Brasilien, den USA und Australien angereist waren. Zusätzlich wurden inoffizielle deutsche Breakdancemeisterschaften das legendäre "B-Boy-Massacker" im PC auf die Beine gestellt.
Zu jener Zeit waren die Möglichkeiten fast unbegrenzt, den ReinfunkAnationgedanken nach außen zu tragen. Das führte allerdings auch dazu, dass die Distanz zum AJZ größer wurde. Die vielen Projekte und Ideen ließen sich von einer Gruppe nicht mehr unter einem Hut vereinigen und verselbständigten sich zunehmend. Zu groß war das Interesse und die Möglichkeiten gesamtgesellschaftliche Prozesse zu beeinflussen. Aus Zeitgründen wurde die HipHop-Kneipe aufgegeben und die Kerngruppe der ReinfunkAnationbewegung zeigte Risse und bröckelte. Da zudem alle Beteiligten ihrem eigenem Existenzdruck ausgesetzt waren, schwand die Zeit sich zurückzulehnen, sich als Gruppe zu pflegen, sich immer wieder neu zu motivieren, um die Kraft aufzubringen, die über die Jahre immer wiederkehrende Drecksarbeit zu machen.
Der Wendepunkt oder eine durch Medien, Mode und Kommerz aufgepumpte Szene lässt sich das Dach auf den Kopf fallen.
Im Jahre 2000 raufen sich Reste von ReinfunkAnation zusammen, um an die glorreichen Jams von `94 und `96 anzuknüpfen und planen unter dem Motto `TransEuroHipHopConnection` den Roskopeuia-Jam 3. Diese Veranstaltung wurde bewusst international mit Beteiligung aus Frankreich, Holland, Belgien, Dänemark, Schweiz, Polen und Italien ausgerichtet, denn im Radio scheinen die Dj`s außer deutschsprachigem Mainstream-Rap gar nichts anderes mehr zu kennen. Im Repertoire jedes kommerziellen Veranstalters in Bielefeld und der Region gehörten deutschsprachige von MTV und Viva gehypte Rapkonzerte in den letzten Jahren zum Standardprogramm. Der Ausverkauf ist auf dem Höhepunkt angelangt. Womit aber die AJZ- Veranstalter nicht gerechnet hatten. Die Szene, soweit man noch von so etwas sprechen konnte, hatte sich auch geändert. Es gab kein Interesse an Internationalismus und Qualität. Die Resonanz an diesem Wochende war erschreckend gering. Doch es kam noch viel schlimmer für die immer noch ehrenamtlichen Aktivistinnen. Es wurde offensichtlich, dass politische und kulturelle Wurzeln, wie auch die Kunst nicht mehr im Mittelpunkt der Kommunikation standen. Der Umgang hatte sich geändert. Was sich vor Jahren noch als eingeschworene und solidarische Szene am Rande der Gesellschaft begriff, funktionierte nun fast nur noch nach den Regeln des Marktes. Jeder konkurrierte nur noch mit dem Nächsten. Der Battle-Gedanke hatte fast alles andere verdrängt. Dementsprechend hatte sich der Ton des Publikums verändert. Sexistische, frauenfeindliche und schwulenfeindliche Äußerungen genauso wie übermäßiger Drogenmissbrauch (vor allem Alkohol-) sind nun an der Tagesordnung. Konflikte löst man jetzt auch gerne mal mit Gewalt und dem Recht des Stärkeren. Der HipHop-Grundgedanke schien verlorengegangen. Künstler, die auf der Bühne etwas anderes propagieren, werden von Teilen des Publikums angepöbelt und den Höhepunkt bilden Graffitischmierer, die nicht mehr anders zu provozieren wissen, als Wände mit Hakenkreuzen zu verschönern.
Danach ist der Frust groß und ReinfunkAnation zieht Konsequenzen. Die Gruppe am Ende ihrer Kräfte löst sich aber nicht auf, sondern distanziert sich komplett von der HipHopSzene und ihrem Habitus. In Zukunft sollen keine HipHop-Veranstaltungen mehr im AJZ stattfinden und man ist auch bereit, Initiativen anderer in diese Richtung zu verhindern. Der Inhalt der Diskussionen wird unter der Überschrift: "Wir ziehen zurück!" veröffentlicht.
Die Jahre 2000-2003 - oder es geht auch ohne HipHop-Szene.
In den folgenden Jahren kommt es zu Umstrukturierungen personeller und inhaltlicher Art. Der Anspruch der Aktivitäten wurde auf ein realistisches Maß zurückgeschraubt. Auch werden zum Teil neue Betätigungsfelder gesucht. So wird eine Ortsgruppe des Bundes deutscher Pfadfinder gegründet (BDP) und man geht erst mal abseits des Großstadtterrors mit Freunden aus Polen, Berlin und Frankfurt auf traditionelle Wanderfahrt. Einzelpersonen engagieren sich in der etablierten und professionellen Jugendarbeit und gründen Projekte wie die HipHopSchool Kreis Herford und das HipHop-Büro Bielefeld. Im AJZ wird die mittlerweile fast schon wieder legendäre Partyreihe Carribien Club installiert. Des Weiteren initiiert man Parties wie "the funky Soularium" oder Events mit dem ironischen Motto "Konsumparty". Auch beteiligen sich RFN-Leute wieder an einer zweiwöchentlichen funky-Kneipe mit wechselnden Mottos. Als Anfang 2002 die Neonazis zu Tausenden in Bielefeld marschieren wollen, will auch ReinfunkAnation dies nicht tatenlos hinnehmen. Als am Rande die desaströsen Verhältnisse im Antifabereich wahrgenommen werden, ergreift man selber die Initiative und mobilisiert kurzfristig mit Mundpropaganda zu einer eigenen improvisierten Infoveranstaltung für die Gegenmobilisierung und wundert sich doch ein bisschen, dass dort genau soviel oder sogar mehr Interesse besteht, als auf den offiziellen Mobilisierungsveranstaltungen.
Interessant ist noch, dass es mittlerweile in Bielefeld Breakdance-, Graffiti- und Rapsubszenen, aber keine richtigen HipHop-Veranstaltungen und keine zusammenhängende HipHop-Szene mehr gibt. Parallel haben laut Polizeistatistiken, in der letzten Zeit Drogenmissbrauch, Gewalt und Anzahl von Sachbeschädigungen im jugendkulturellen Bereich massiv zugenommen.
Für eine Gesellschaft ohne Knäste! Es geht doch. 2003
Nachdem man zweieinhalb Jahre konsequent geblieben war, klopft nun HipHop in Form des New Yorker Melle Mel Rapper von Grandmaster Flash an die Tür. Wer kann da schon nein sagen, nachdem Erfahrungen gemacht und Wunden geleckt sind? Als nächstes steht die 30 Jahrfeier vor der Tür und da von der Gruppe die Existenz des Hauses grundsätzlich mit bestimmten politischen Inhalten verbunden wird, holt man einen eineinhalb Jahre alten Plan aus der Schublade einen HipHop-Event, der deutlich politischen Aussagen verbunden ist. Unter anderem taucht hier, wie 1994, wieder das Motto: " für eine Gesellschaft ohne Knäste" auf. Eingeladene Musikgruppen sind die Bielefelder Hitback (RFN), der Veganer Albino, die globalisierungskritischen und internationalistischen Easy X und der freakig-bunte Flowin Immo. Es wird ein Videofilm zu den Black Panthern gezeigt und eine große Diskussionsrunde zu dem Thema Jugendkultur, Politik und Bewußtsein durchgeführt. Am selben Tag, dem 20. April, wird die zur 25 Jahrfeier von der Hausfront entfernte Holzfaust nach fünf Jahren Abstinenz wieder aufgehängt. Das AJZ wird 30 und die ReinfunkAnation wird 10 Jahre alt und ist damit die älteste das Kino natürlich nicht mitgerechnet - kulturschaffende Gruppe im Haus. Und trotz mäßiger Resonanz am 20. April, weil sich viele AJZler an den Vorabenden mit Bier vollaufen lassen und nicht mehr können und die HipHoper lieber zugekifft auf irgendwelchen Drum a`Bass und Reggeaparties verasseln, bleibt das positive Fazit: "Es geht doch !! Und die Faust hängt wieder, als wäre sie nie weggewesen".


